Der Container-Hype

Die bürgerlichen Medien haben jetzt schon im Frühling ihr Sommerloch! Sie stürzen sich auf ein randständiges Thema, als gäbe es keine Berichte über „barbarische Schlächtereien“ in Afrika, keinen Verlautbarungsjournalismus und keine Kaninchenzüchtervereine mehr, mit denen sie ihre Blätter füllen können.

Derzeit häufen sich die Berichte über das Containern. Die bevorzugte Form ist eine Reportage, meist illustriert und „greifbar“ gemacht mit „echten Menschen“: VertreterInnen der Ökologiebewegung, MitarbeiterInnen von Voküs und WG-SelbstversorgerInnen. Warum eigentlich keine Antifas? Dazu unten mehr. Der autonome container-blog wird mitlerweile ohne jegliche Berührungsängste verlinkt von zdf.de (Containern: Gratis-Essen aus dem Müll) oder Tagesspiegel (Die Mülltaucher).

In Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, einen festen Job in einer Redaktion zu bekommen (der dann oft eine befristete Anstellung ist), in der immer mehr Redaktionsmitglieder entlassen und zu einem Bruchteil ihres vorherigen Gehalts als „freie“ MitarbeiterInnen weiterbeschäftigt werden, in der gut recherchierte Artikel kaum mehr abgedruckt, geschweige denn angemessen bezahlt werden, in solchen Zeiten bedienen sich selbst die herrschenden Medien immer mehr bei den aufkommenden sog. „Neuen Medien“: den Blogs, den Homepages und Internet-Foren. Deren hübsch aufbereiteten Inhalte brauchen nur noch paraphrasiert zu werden oder dienen zumindest als Ideengeber und Informationsquelle für selbst verfasste Artikel. Uns würd das Zeilenhonorar beim Tagesspiegel interessieren und wieviel Geld es für den Abendtermin mit Photo gab! Aber das sehen die JournalistInnen oft selbst erst Wochen später…

Durch diese Links auf unsere angeberischen Fotoberichte zu der jeweiligen Ausbeute soll den LeserInnen dieser Blätter vielleicht die Möglichkeit gegeben werden, den Dumpsterdivern über die Schulter zu schauen, es soll der Eindruck entstehen, man sei unmittelbar dabei. Reality-TV in der Blogosphäre. Ein bisschen überwundener Ekel, nächtliches Gruseln und spinnerte Ideen, ein wenig Illegalität und schon hat man eine Mischung, die ein paar Zeilen oder einen Artikel hergibt. Womöglich wird das sogar eine „developing story“? Wir sehen in der Bildzeitung schon die Titel „Supermärkte verhindern zunehmenden Lebensmitteldiebstahl“ und „Schlägerei um Essensreste im Müll – ein Toter“ förmlich vor uns.

Die armen LeserInnen müssen für diese scheinbare Authentizität einiges in Kauf nehmen: z.B. den Server blogsport.de, auf dem sich zahllose linke und linksradikale Gruppierungen ihre Blogs eingerichtet und untereinander vernetzt haben. Oder die ellenlangen Linklisten, in denen Verweise auf anarchistische Analysen des Containerns oder Antifa-News zu finden. Sogar böse, marxistische Artikel wie Kritische Gedanken zum Containern. Know Your Enemy II müssen angelesen und abgewehrt werden. Haben die JornalistInnen dieses Posting nicht gesehen, einfach ignoriert oder Ihrer Redaktionsleitung nur nichts von erzählt? Wir vermuten mal, dass ZDF und Tagesspiegel nicht für die Inhalte der verlinkten Seiten verantwortlich sind ;-)

Vielleicht wäre es den SchreiberInnen der bürgerlichen Presse lieber, das Thema vollkomen auf Umweltschutz und ein wenig Konsumkritik zu reduzieren? Die Container-Aktionen also von den linksradikalen Überzeugungen der ProtagonistInnen abzustreifen? Das geht leider nur, wenn für die Reportage die passende Initiative oder Einzelperson gefunden wird, die mit dieser, oben beschriebenen, Presse zusammenarbeitet und um den Preis der Massenmedienkompatibilität ihrer Aussagen, einen Teil derselben bei mehr Leuten verbreiten will.

Anfragen an die MacherInnen dieses Blogs liefen bislang allerdings ins Leere. Zu wenig vertrauen wir den journalistischen Strukturen in den herrschenden Medien. Wir machen lieber unsere eigenen Medien. Wir haben einen Blog, weil wir über uns selbst berichten wollen. Unverzerrt und unverkürzt. Aus erster Hand und ohne Rücksicht auf Werbepartner.

Der Container-Hype in den herrschenden Medien wird bald vorbei sein. Die Mehrheit der die Sache mal ausprobierenden Studis wird die Nase wieder aus den stinkenden Containern zurückziehen und SchniPoSa in der Mensa zu sich nehmen. Ist ja mittlerweile auch bio, oder so.

So, und jetzt: Vielen Dank an ZDF und Tagesspiegel fürs Verlinken ;-)


6 Antworten auf “Der Container-Hype”


  1. 1 Batti 19. März 2007 um 23:40 Uhr

    oder möglicherweise freut sich ein freier Journalist, der ebenso wie alle dumpster diver und blogger sich entweder auf dem Arbeitsmarkt verkaufen oder sich sonstwie durchschlagen muss, darüber, dass er seinen Artikel bei einer Zeitung verkaufen konnte. Möglicherweise ist dieser freie Journalist auch gar nicht so furchtbar böse oder bürgerlich, sondern ebenso den Marktzwängen unterworfen wie der Obdachlose, der heute im Gebüsch eines Parks bei mir um die Ecke schnarchte. Möglicherweise zieht auch nicht jeder Studi nach kurzem Ausprobieren seine Nase wieder aus der Mülltonne.

    Für den Abendtermin mit Photo gab es übrigens nicht einen Cent, wenn Du mich meinst. Warum ich es trotzdem gemacht hab? Gute Frage – der Journalist war nett. Was machst Du in Deiner Freizeit?

    Die Massenmedienkompatibilität ist ein knackiger Punkt, bei dem ich Dir voll zustimme. Schlimm war es hier:
    http://www.taz.de/pt/2006/10/10/a0225.1/text.ges,1
    da wird gleich eine ganze container-Szene erfunden, die implizit, denen, die „wirklich Hunger“ haben, nun auch noch den Müll vor der Nase wegfrühstückt. Hauptsache außerordentlich sensationalistisch. Doch hoppla, die taz gilt doch gar nicht als so bürgerlich und massenmedienkompatibel. Und wie berichtet die bürgerlichste Zeitung von allen darüber:
    http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~E47FFEAEB539B4829B1F7698E370FD25B~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    erstaunlich differenziert und vollständig.
    Was hältst Du eigentlich von einer Phrase wie „die Leute dort abholen, wo sie sind“? Hätte es Dich vor Deiner Bekehrung zur Linksradikalität nicht auch überfordert oder gelangweilt, mit Revoluzzergebell in einem Zeitungsartikel begrüßt zu werden?

    Nur weil ein Zeitungsartikel nicht eine linksradikal-anarchistisch-graswurzelverliebte Meinung einszueins kopiert, muss nicht gleich der Journalist auf den Mond verdammt werden. -> Pluralismus? Möglicherweise war es ja sogar ein Trick des Journalisten, radikale Kapitalismuskritik in seinen Text einzubauen MITTELS der Verlinkung Deines Blogs? Möglicherweise passierte es also gar nicht aus Versehen, dass sich so auf Umwegen revolutionäre Töne in den Artikel einschlichen. Vielleicht passt das Gut-Böse-Schema nicht ganz so einfach. Deine (sehr gelungene) Darstellung im „Know your enemy II“ ist doch auch viel systemischer und damit zutreffender.

    Ich geb zu, viel von meiner geäußerten Motivation ist nicht in dem Artikel aufgetaucht. War übrigens ziemlich deckungsgleich mit Deiner.
    Kennen wir uns eigentlich? Könnte irgendwie gut sein.. kannst mir ja mal schreiben, wenn.
    Gruß, Batti

  2. 2 x 21. März 2007 um 11:23 Uhr

    ich find eure seite echt nicht gut. „diese seite ist allen gewidmet, die GERN containern gehen“ – was soll das denn! ich gehe nicht „gerne“ containern, sondern weil ich MUSS. macht es euch spass, bei jedem scheiss wetter nachts über zäune zu klettern, im müll zu suchen, damit man sich am nächsten tag was halbwegs gesundes zu essen kochen kann? oder ohne was heimzufahren, weil das essen mal wieder vergiftet worden ist?

    wahrscheinlich findet ihr das klasse, weil ihr nicht MÜSST.

    aber für euch bourgie studikids ist das vielleicht so’nen bisschen revo-romantik und abenteuer.. chiq, so‘n bisschen armut, juchee. und dann noch interviews geben..

    davon ab: durch die gesteigerte berichterstattung befürchte ich konseqeuenzen, z.b. mehr müllvernichtung noch VOR der tonne. und dann haben nen haufen leute dank irgendwelcher geltngssüchtigen mediengeilen spinnern nix mehr zu beissen oder müssen noch 5km mehr laufen bis sie was finden.

    macht den blog zu und tut mit der ressource lieber was sinnvolles.

  3. 3 Batti 21. März 2007 um 21:07 Uhr

    Hallo x,
    nein, ich habe nicht genug Geld, um einzukaufen. Willst Du nun ernsthaft sagen: frag doch Deine Eltern nach Geld? Den Ball würde ich sofort zurückspielen, wenn Du meinst, Du ‚müsstest‘ containern: hast Du keine Verwandten, keine FreundInnen, keinen Staat, keine Möglichkeit zu schnorren, keine Möglichkeit zu arbeiten? Dann wärst Du ein seltener Fall, bzw ich würde Dir eine Schieflage in Deiner Sicht auf die soziale Situation in der BRD unterstellen. Es gibt selbstverständlich Alternativen zum Containern, die Frage ist, ob sie gewollt werden. Und Du willst sie anscheinend nicht, das heißt: im Vergleich zu den Alternativen gehst Du anscheinend durchaus gern containern.. Damit will ich jedoch die soziale Lage nicht schönreden, die Verteilungsgerechtigkeit etwa lässt zunehmend stark zu wünschen übrig. Und auch ich kann mir besseres vorstellen, als im Müll zu wühlen, wahrlich. Aber es ist billig, schnell, ökologisch und hat einen Hauch von Gesellschaftskritik. Wieso soll ich das den Medien nicht sagen dürfen? Soll ich sie radikal boykottieren, weil sie Teil des verfickten Schweinesystems sind? Meinst Du etwa, das bist Du nicht? Dann sag mir mal, wie das geht, so gar nicht zur Gesellschaft zu gehören, so gar nicht teilzunehmen am Kapitalismus..
    Und: Hast Du einen Fall von geschlossenen Müllcontainern aufgrund von Berichterstattung? Um das zu vermeiden, nenne ich kein Unternehmen, keine Kette, sondern kritisiere nur das Spiel. Marburger AktivistInnen haben mal mit Transparenten vor einem spezifischen Geschäft gestanden, nachdem die Kette ihre Tonnen weggesperrt hatte – ich finde es töricht und verkürzt, gegenüber Unternehmen mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen. Zudem denke ich, dass gerade so ein Vorgehen andere Unternehmen zum vorzeitigen Wegsperren verleitet – bevor sie in den Medien genannt werden.

    Davon ab: Du hast doch weiter oben gelesen, dass der/die BloggerIn überhaupt nicht mit den ‚herrschenden Medien‘ redet, was wirfst Du ihm/ihr vor?

    Und was erdreistet Du Dich überhaupt, anderen Leuten vorzuschreiben, was sie mit ihrer Zeit und ihren Ressourcen anstellen sollen?

  4. 4 x 22. März 2007 um 12:56 Uhr

    ach batti, reg dich nicht so auf.

    ich rede von leuten, denen echt nix anderes mehr bleibt, weil sie auf der strasse hängengeblieben sind oder sonstwas, nicht von mir selber. dass lebensmittel aufn müll wandern ist wirklich sehr traurig, wie du ja damals aufm brotberg festgestellt hast. aber glaubst du wirkllich, dass du, batti, wenn du dich für ne schnelle fotostrecke hergibst, die lage rumreissen kannst? ich glaubs nicht.

    ich glaub der kommentar war auch eher für dich als dass er in den blog hier passt. aber deine blauäugigkeit tut fast schon weh.

  5. 5 Batti 23. März 2007 um 11:37 Uhr

    Die Medien haben mich angesprochen, nicht ich die Medien. Die Frage, die sich mir stellte, war: rede ich mit ihnen oder nicht. Erkläre ich, warum ich es tue, oder nicht. Und gerade nicht: wie kann ich die Gesellschaft aus ihren Widersprüchen und ihrem Stumpfsinn befreien? Die letzte Frage würde ich mir nicht anmaßen.
    Ich reagiere so stark, weil ich sehr böse, unfaire Reaktionen auf meine drei Interviews bekommen habe. (Lies mal Deinen ersten.) Die drei weiteren Anfragen von Fernsehstationen habe ich nun abgesagt (ja: Medienhype), eben weil ich keine Lust habe, als blauäugiger Gutmensch dargestellt zu werden und biographisiert und psychologisiert zu werden. Natürlich habe ich nichts von den Artikeln erwartet, aber warum soll ich schweigen? Ich weiß nun zumindest, dass – egal wie freundlich und sympathisierend die JournalistInnen – es einen vorsichtigen Umgang und gewählte, vorüberlegte Aussagen braucht. Möglicherweise eine Trivialität, aber auch eine gute Erfahrung.
    Und nochmal: wie kannst Du anhand der Artikel Dich erdreisten, so über mich zu urteilen? Du urteilst über eine medienkonstruierte Figur und meinst dabei mich. Wenn Du nun gleichzeitig noch, wie sich das für anständige Linke gehört, die „bürgerlichen Medien“ und ihre „Verzerrungen“ kritisierst (nicht wahr: der „ideologische Überbau“), dann ist das ein bemerkenswerter, innerer Widerspruch.

  1. 1 taeglich gruesst das journi-tier at des is ja grad des Pingback am 19. März 2007 um 0:12 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.


Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: